FC St. Pauli nimmt am Freitagabend einen wichtigen Punkt mit. Ob er wirklich wichtig ist, wird sich erst am 16. Mai zeigen. Nach den Ergebnissen vom Samstag ist die Antwort auf die Frage im Titel wahrscheinlich: eher nicht. Aber der Reihe nach.
Die Anspannung vor dem Spiel war mit Händen greifbar. Beide Trainer tingelten vor den TV-Interviews nervöser als sonst hin und her. Die Fans gaben schon vor der ersten Minute alles – USP hatte sogar Plakate im Viertel verteilt. Man hat gespürt: Das hier ist kein gewöhnliches Heimspiel.
Das Team liefert
Und das Team hat geliefert. Nach der Anfangsviertelstunde übernahm Braun-Weiß die Kontrolle. Hountondji wäre fast zur Führung gekommen – Schwäbe rettete in letzter Not mit dem Fuß. In der zweiten Halbzeit machte Ando bei einem Kopfball alles richtig, diesmal rettete Bülter auf der Linie. Dazwischen hatte Kölns El Mala die einzige nennenswerte Torchance der Gäste – einen wuchtigen Abschluss aus 18 Metern an die Latte. Das war’s für Köln.
Dann, in der 69. Minute: Karol Mets stand goldrichtig und verwandelte einen Kopfball aus kurzer Distanz zum verdienten 1:0. Der Jubel kannte keine Grenzen. Die oft kritisierte Standardschwäche hat mittlerweile dazu geführt, dass kein Team der Bundesliga in dieser Saison mehr Tore nach Standards erzielt hat, als der FC St. Pauli. Karol Mets findet einen guten Zeitpunkt, sein erstes Tor im Dress der Braun-Weißen zu erzielen.
Weil es diese Saison offenbar Usus geworden ist, dass Menschen, die wichtige Treffer erzielen, kurz vor Schluss noch unglücklich agieren, durfte Waldschmidt in der 86. per Elfmeter zum 1:1 ausgleichen. Danke, VAR.
Das Dilemma mit dem VAR
Und damit sind wir beim eigentlich interessanten Teil des Abends. Ich bin kein Schiedsrichter-Basher – wer öfter hier liest, weiß das. Jeder macht Fehler, die wenigsten davon vor 30.000 Menschen im Stadion und weiteren Zehntausenden vor den Bildschirmen während alles mit Dutzenden hochauflösenden Kameras aufgenommen wird. Aber der VAR ist kein Werkzeug für Grauzonenentscheidungen. Laut eigenem Regelwerk gilt:
Grundsatz 1: Ein VAR darf den Schiedsrichter ausschließlich bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen oder schwerwiegenden übersehenen Vorfällen unterstützen.
Grundsatz 3: Der ursprüngliche Schiedsrichterentscheid darf nur geändert werden, wenn die Videoaufnahmen eindeutig belegen, dass eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung vorliegt.
Eindeutig war an dieser Szene wenig. Das ist das Frustierende – nicht dass St. Pauli einen Elfmeter gegen sich bekommen hat, sondern dass der VAR sich in einer Situation einschaltet, für die er eigentlich nicht gedacht ist.
Und noch etwas zum Abend: Nur El Mala sah Gelb – wegen Unsportlichkeit. In der Galerie habe ich ein hartes Kopfballduell zwischen Martel und Sinani festgehalten. Ein anderes Mal wurde Ando übelst umgesenst. Es gab Nicklichkeiten auf beiden Seiten. Wie Schiedsrichter Jöllenbeck zu genau einer Gelben Karte für Köln, aber vier für St. Pauli gekommen ist – ich verstehe es nicht.
Keine Schwäche
Statistisch war das Spiel eindeutig und es wäre mehr als der eine wichtige Punkt drin gewesen: St. Pauli schoss sechsmal aufs Tor, Köln einmal. Auch die expected Goals on Target hätten ein 2:1 für Braun-Weiß ergeben. Das Ergebnis lügt. Das Schöne daran: sechs Schüsse aufs Tor – das war in dieser Saison oft die erklärte Schwäche. Am Freitagabend hat das Team gezeigt, was es kann.
Bleibt der Strohhalm: vier Spieltage und ein vergleichsweise machbares Restprogramm. Und die Domzeit, währenddessen der FC St. Pauli einen schlechteren Punkteschnitt hat, ist nun wieder weg. Ob das beim Ergattern von weiteren wichtigen Punkten hilft? Die Antworten bekommen wir am 16. Mai.