Eine Möwe sitzt auf einem Auto, während am Amsterdamer Kanal Menschen und Boote die malerische Szenerie genießen. Schönes Beispiel der Zeichnung einer Mandler Linse.

Amsterdam zu Ostern: Mandler, Mokum und mehr Shoppingtage

Teilen

Deutschland hat über Ostern bekanntlich drei Feiertage, an denen die Läden geschlossen bleiben. Amsterdam hat davon drei einfach ignoriert. Grund genug für einen Kurztrip in die Niederlande –
wobei ‚Grund‘ großzügig formuliert ist. Meine Liebste und ich hatten Bock auf lekker winkelen en eten.

Amsterdam riecht nach Wasser, Gras und überteuerten Stroopwaffeln. Mit dabei: meine Leica M11-D, bestückt ausschließlich mit Gläsern, die Walter Mandler entworfen hat. Wer jetzt nickt, weiß, was gemeint ist. Allen anderen sei kurz erklärt: Mandler war ein führender Optik-Konstrukteur der Marke Leica und später Leiter der Entwicklungsabteilung sowie Vizepräsident von Ernst Leitz Canada. Er hat für Leitz jahrzehntelang Objektive entwickelt, die bis heute einen unverwechselbaren Charakter haben. Manche dieser Linsen sind älter als einige meiner Leserinnen. Alle funktionieren noch. Also die Linsen – meine Leserinnen hoffentlich auch 🙂

Was ist dabei herausgekommen? Postkartenmotive, Möwen auf einem Autoblech, ein chinesischer Tempel, Filterkaffee im Freien, Bronzeechsen auf dem Rasen – und auf einem Banner an der Nieuwe Kerk das Wort „Mokum“. Den Amsterdamer Spitznamen aus dem Jiddischen hatte ich zwar im Kopf, aber erst beim Durchschauen der Bilder zu Hause wirklich gesehen. Du kannst halt nur sehen, was du weißt. Sagt schon ein altes Fotografensprichwort.

Echte Mandler

Apropos Mandler: Es geht hier nicht um die gehypten Nachbauten aus China – egal, ob bewusst unter dem legendären Namen oder von Light Lens Lab. Die Verlockung ist groß, für dreistellige Beträge einen Leica-Look zu kaufen. Kann man machen. Neulich stolperte ich allerdings über ein Video, in dem jemand von der „crazy field curvature“ seines Objektivs schwärmte. Mit halbwegs Ahnung war klar: Die Linse war einfach schlecht zentriert. Qualität hat eben ihren Preis.

Ich rede hier von den Original-Leica-Linsen. Die Mandler-Linsen passen dazu wie Stroopwaffeln zum Filterkaffee: Sie sind keine nostalgischen Weichzeichner, sondern das Ergebnis knallharter Rechenarbeit auf kleinstem Raum. Walter Mandler hat in einer Zeit konstruiert, in der an asphärische Linsen nicht zu denken war – und trotzdem Objektive gebaut, die zu den besten ihrer Zeit gehörten. Der berühmte „Leica-Look“ ist weniger Romantik als Nebenprodukt: Für ihr Alter überraschend scharf im Zentrum, bei Offenblende am Rand weicher – bei f/5.6 kaum noch von modernen Optiken zu unterscheiden. Was bleibt, ist eine Zeichnung, die dem menschlichen Sehen ähnelt: harmonisch statt klinisch.

Heute schrauben sich Leute Black Mist Filter vor ihre mühsam megascharf gerechneten Objektive, um halbwegs diesen Look nachzeichnen zu können. Mich fasziniert, dass ich diese Linsen nutzen kann, obwohl sie nicht für digitale Kameras gerechnet sind. Bei Leica kann ich mich durch die Wahl der verwendeten Optiken entscheiden: klinische Sauberkeit dank moderner APO-Linsen oder ein klein wenig Glow, um den Alltag etwas harmonischer darzustellen, als er eigentlich ist.

181 Jahre Optik in einer Tasche

In meiner Kameratasche hatte ich ein kleines Optikmuseum:

  • Elmarit-M 21 mm f/2,8 (Artikelnummer 11134 – wurde zwischen 1980 und 1997 gebaut). Meine Linse stammt aus dem Jahr 1991.
  • Elmarit-M 28 mm f/2.8 – (11804) gebaut von 1979 bis 1993. Ich besitze eine von 1982.
  • Summicron-M 35 mm f/2 – (11308) hergestellt von 1958 bis 1974. Meine älteste Linse. Sie ist aus 1963. Damit habe ich auch schon den Aufstiegsjubel auf dem heiligen Rasen fotografiert.
  • Summilux-M 75 mm f/1.4 (11815) wurde von 1980 bis 2007 produziert und anschließend eingestellt. Meine Linse ist von 1987.

Insgesamt hatte ich also 181 Jahre an Optiken in der Tasche und alle funktionieren ohne Adapter an meiner digitalen Leica M11-D mit 60 Megapixeln. Typisch Leica, typisch Mandler: gebaut für die Ewigkeit. Vom 35er Summicron mal abgesehen, zeichnen alle Linsen eine ziemlich gleiche Farbgebung in die Bilder. Dafür ist das 35er Summicron das legendäre 8-Elements – acht Linsen, älteste Rechnung, eindeutig das schönere Bokeh der älteren 35 mm Optiken aus der Leica Schmiede. Aber auch eins der teureren der mittlerweile sieben Summicrons. Irgendwer hat vielleicht auch deswegen der günstigeren vierten Version den Titel KOB verliehen – König des Bokehs. Wer ein schmaleres Portemonnaie hat, erfindet halt gerne Superlative. Dafür braucht es schon nicht mal chinesische Nachbauten.

Essen, shoppen, Mokum

Zurück zum langen Wochenende in Amsterdam: All das Glas durfte mit an die Grachten, auch wenn wir eigentlich nur zum Shoppen und Essen da waren. Vor allem Letzteres war super. Wir können dir das Choux wärmstens ans Herz legen. Es hat einen Michelin-Stern und ist daher „reservierungspflichtig“. Du kannst auch ein rein vegetarisches 6-Gang-Menü bekommen – das Amuse-Gueule bestand unter anderem aus essbaren Tulpenblättern. Die Weinbegleitung war sensationell passend, bei sechs Gängen jedoch herausfordernd für den ungeübten Trinker.

Die Fotografie stand also am Rande und beobachtete. Hier folgen trotzdem zu viele Postkarten aus Amsterdam. Du wirst es überleben.

Ach ja: Niederländisch habe ich auch versucht. „Choodendach, ick hep bay ü eyn Reserweyring op nahm fan Chroonfelt.“ Die Antwort kam zuverlässig auf Englisch. Mein Name verwirrt; mein Akzent verrät mich. Ex-Niederländer mit Hamburger Zungenschlag – das kauft dir in Amsterdam niemand ab.

Meinungen
4 bisherige Meinungen ansehen
  1. Ich wusste gar nicht, dass es ein 75er gibt/gab. Ach ja #1: Mein 35er war von 1970 – ich vermisse es immerhin (ein wenig). Meine Bodies nicht. Ach ja #2: schöne Bilder. Forza 🤎🤍✌🏻

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert