Leitz Hektor 7.3 cm f/1.9: Fast 100 Jahre alt, kein bisschen leise

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Eine Leica-Kamera mit einem Leitz Hektor 7.3 cm f/1.9

Es wird mal wieder Zeit für einen Kamera-Nerd-Artikel, bevor hier ab nächster Woche wieder der braun-weiße Kosmos übernimmt. Die heutige Frage lautet: Kann ein fast 100 Jahre altes Objektiv an einer modernen 60-Megapixel-Kamera überhaupt noch etwas reißen? Kurze Antwort: Ja. Die lange Antwort folgt jetzt, mit Blende, Bokeh und einem Vorkriegs-Ego, das bis heute nicht kleinzukriegen ist.

Die 30er Jahre: Das erste Tele für Leica-Kameras

Das Leitz Hektor 7.3 cm f/1.9 kam Anfang der 1930er Jahre auf den Markt, passenderweise zu der Zeit, als die Leica I (Modell C) dank normiertem Auflagemaß vom Bastelprojekt mit individuell angepassten Objektiven zur ersten echten Systemkamera wurde. Jedes Objektiv passte fortan auf jedes Gehäuse. Für diese neue Generation von Leica-Kameras war das Hektor das erste Teleobjektiv. Den gekuppelten Entfernungsmesser lieferte erst die Leica II ab 1932 nach, weshalb auch die frühen Hektor-Exemplare noch ohne Kupplung auskommen mussten. Bis Anfang der 1940er Jahre blieb das Objektiv im Programm. Insgesamt liefen gut siebentausend Exemplare vom Band: für heutige Begriffe eine Kleinserie, für die 30er Jahre ein anständiger Erfolg. Mit f/1.9 war es außerdem lichtstark genug, um bei den damals eher zurückhaltenden Filmemulsionen tatsächlich etwas zu reißen. Wer bei schlechtem Licht überhaupt belichtbare Bilder wollte, war auf jede halbe Blendenstufe angewiesen.

Wer sich Anfang der 30er Jahre in Deutschland eine Leica-Kamera kaufen wollte, musste mehr als ein Monatseinkommen auf den Ladentresen legen. Eine deutsche Reichsmark-Preisliste habe ich nicht aufgetrieben, aber ein Auflistung aus einem britischen Leica-Händlerkatalog vom August 1933. Dort steht das Hektor mit £ 26 als teuerstes Objektiv im gesamten Sortiment, während eine komplette Leica II mit Standardobjektiv im selben Katalog nur £ 22 kostete. Das Objektiv war also teurer als die Kamera, an der es hing – wer sich das Hektor gönnte, meinte es ernst mit der Fotografie.

Kurzer Exkurs zur Namensgebung

Das Leitz Hektor 7.3 cm f/1.9 trägt im Namen nicht „Leica“, sondern „Leitz“, und das hat einen guten Grund. Die Kamera lief schon seit 1925 unter dem Markennamen Leica, einem Kofferwort aus Leitz und Camera. Die Firma selbst hieß offiziell Ernst Leitz Wetzlar, und genau dieser Name stand auf den Objektiven.

Und weil es zur Namensgebung passt: Die heutigen Objektive heißen zum Beispiel Noctilux, Summilux oder Summicron – diese Namen verraten etwas über ihre Lichtstärke. Beim „Hektor“ ist das anders. Dahinter steckt keine Systematik, sondern einfach nur der Name des Hundes von Max Berek, dem Objektivkonstrukteur, der diese Linse entwarf.

Leitz notierte Brennweiten damals grundsätzlich in Zentimetern, weshalb auf dem Objektiv 7.3 cm steht statt der heute üblichen 73 mm. In den frühen 1960er Jahren wurde die Brennweitenbezeichnung auf Millimeter umgestellt.

Erst 1986 wurde der Fotobereich abgespalten und die Marke komplett auf Leica umgestellt. Aus der Gravur „Leitz Wetzlar“ wurde „Leica“.

Mein Testexemplar von 1938 trägt also folgerichtig noch den alten Firmennamen, während die Kamera, an der es heute hängt, auch damals schon eine Leica war. Zwei Namen, eine ziemlich lückenlose Familiengeschichte.

Mein Testexemplar: Baujahr 1938

Mein Testobjektiv von 1938 ist am Messsucher gekoppelt, benötigt aber natürlich trotzdem einen winzigen Adapter. Damit funktioniert das Objektiv mit Schraubgewinde an der M-Bajonett-Kamera erstaunlich reibungslos. Im Messsucher blendet sogar eine halbwegs treffende Bildfeldmarkierung ein, nämlich die für 75 mm. Für ein Objektiv aus einer Ära ohne jede Ahnung von M-Bajonetten ist das erstaunlich genug. Ich kenne eigentlich nur Leica, die das nach all den Jahren so reibungslos hinbekommt.

Interessant wird das Hektor dadurch, dass es sich komplett anders verhält als jedes moderne Objektiv. Es zeichnet im Nahbereich anders als in der Ferne, und über die Blendenwahl lässt sich der Look fast wie über einen zweiten Regler justieren.

Der Charakter des Leitz Hektor 7.3 cm f/1.9

Zwei Bilder desselben Motivs, die sich nur durch die Blende unterscheiden, einmal offen bei f/1.9, einmal leicht abgeblendet auf f/4.5. (Alle Bilder können durch Anklicken vergrößert werden.)

Das Hamburger Rathaus bei typischem Sommerwetter mit Offenblende fotografiert. Die chromatischen Aberrationen sind nicht zu übersehen.
Das gleiche Motiv leicht abgeblendet auf 4.5 – keine Aberrationen und überraschende Schärfe und Details

Weil der Kontrast des Leitz Hektor 7.3 cm f/1.9 für heutige Verhältnisse niedrig ausfällt, hat der Messsucher wenig zum Greifen. Dieser lebt schließlich von Kontrastkanten, um den Schärfepunkt zu treffen. Das Fokussieren im Fernbereich kann folglich zur Herausforderung werden. Die Stärke der Linse liegt aber ohnehin im Halbnahbereich. Selbst im Nahbereich zeichnet sie bei Offenblende noch auf gut zwei Dritteln der Bildfläche ausreichend scharf. Das Bokeh ist kreisrund, aber alles andere als schüchtern, typisch für Objektive dieses Alters, als es das Wort „butterweich“ noch nicht gab. Die Farben wirken wärmer als bei modernen Optiken, bei der Verzeichnung dagegen mischt die Linse überraschend auf Höhe heutiger Objektive mit.

Manchmal muss ein Motiv aber auch gar nicht bis ins letzte Pixel scharf sein. Beim letzten Bild meines kleinen Objektivtests macht genau die weiche Zeichnung den Reiz aus.

Wunderbarer Look bei Offenblende und im Nahbereich – ein Makro ist die Linse nicht.

Fazit

Fast 100 Jahre alt und kein bisschen leise. Das Leitz Hektor 7.3 cm f/1.9 hat auch heute noch seine Berechtigung. Selbst an einer modernen Leica M11 entstehen damit sehenswerte Bilder. Für jeden Einsatzzweck würde ich es trotzdem nicht empfehlen.

Der Look passt schlicht nicht zu meinem eigenen, weshalb das Objektiv nach dem Test zurückging. Herzlichen Dank an Leica Hamburg für den spannenden Ausflug in die Objektivarchäologie.

Porträt von Stefan Groenveld

Wer schreibt hier?

Stefan Groenveld, Fotograf für Sport, Porträt und Events aus Hamburg. Meistens am Millerntor, manchmal analog, immer auf der Suche nach dem ungewöhnlichen Blickwinkel.

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